Martin Frey
  Derek Jarman - Bewegte Bilder eines Malers
   
                                                Home Movies, Super-8-Filme und andere kleine Gesten
 
Derek Jarman, der an der Londoner Slade School of Art ein Studium in Malerei und Bühnenbild absolviert hat, wurde einer größeren Öffentlichkeit vor allem über das Medium Film bekannt. Er selbst verstand sich jedoch niemals als Filmemacher und auch Maler, sondern immer primär als Maler. Die Malerei war sein wichtigstes und unmittelbarstes Medium des Ausdrucks, seine ‚Lebenslinie‘ - die filmischen Bilder sind bewegte Bilder eines Malers. Die vorliegende Publikation Derek Jarman - Bewegte Bilder eines Malers ist vor allem eine Annäherung an Jarmans weniger bekannten und auf den ersten Blick schwer zugänglichen Bereich der Home-Movies, Super-8-Filme und sein daraus entwickeltes Kino der kleinen Gesten.
 
 
 
Leben und Arbeit stellten für Derek Jarman eine untrennbare Einheit dar, die sich in allen Bereichen seines künstlerischen Schaffens unmittelbar und direkt durch autobiographische Elemente und Bezugspunkte manifestiert hat. Seine zahlreichen Texte und Publikationen zählen daher, unter steter Berücksichtigung des subjektiven Äußerungsmodus, zu den zentralen und wichtigsten Quellen dieser Publikation. Vor allem seine beiden Schriften Dancing Ledge und The Last of England, die bereits Mitte der achtziger Jahre erschienen sind, liefern zahlreiche wertvolle Hinweise auf die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe seiner mit Super-8-Material gedrehten Filme. Gemeinsam mit Modern Nature (1991) und At Your Own Risk (1992) geben sie jedoch vor allem auch sehr persönlich Auskunft über die als unterdrückt empfundene Kindheit und Jugend im Nachkriegs-England, sein Coming Out während der Studienzeit und das befreite Leben in den siebziger Jahren. Sie geben aber auch detailliert Auskunft über seinen Kampf gegen die permanente Unterdrückung und Ungleichbehandlung Homosexueller während der Ära Thatcher, den Umgang mit der eigenen HIV-Infektion und späteren Erkrankung und seinen persönlichen Einsatz gegen die Diskriminierung HIV-Infizierter und an Aids erkrankter Menschen.
 
Die unmittelbare Präsenz autobiografischer Elemente in seinen Arbeiten steht daher auch im Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung. So findet im Kapitel Somewhere over the rainbow - Bilder der Kindheit unter anderem eine erste Annäherung an Jarmans individuelle Auffassung von Home-Movie in Verbindung mit dem Begriff Home, mit zu Hause, statt. In seinen Film The Last of England integriert er zahlreiche Sequenzen aus dem Bestand der elterlichen und großelterlichen 8-mm-Filme und gewährt damit sehr persönliche Einblicke in seine eigene (Familien-)Geschichte. In einer permanent als feindlich empfundenen Umgebung hat Jarman selbst nach und nach einzelne Inseln individueller Strategien entwickelt, die ich als Strategie des Autobiografischen und Strategie des Benennens bezeichne. Jene des Malens wurde dabei zur ersten erprobten Form und war ursprünglich vor allem die Möglichkeit des Rückzugs in einen selbstgeschaffenen Freiraum.
 
Kapitel 3 geht der Frage nach Einflüssen aus Malerei und Literatur auf seine Arbeiten nach. Beat Generation, Allen Ginsberg, Rauschenberg, Hockney und Klein, vor allem aber auch erste Reisen nach Amerika zeigten nachhaltige Resonanz. In allen Arbeitsbereichen manifestiert sich eine vielschichtige Auflösung von Grenzen: Techniken der Collage, assoziative Elemente des Fragmentarischen und damit einhergehende offene Erzählformen werden zu elementaren Mitteln der Mitteilung in seinen Bildern, Filmen und Texten.
 
Zeit seines Lebens hat sich Jarman jedoch Zuordnungsversuchen, im Besonderen sein filmisches Werk betreffend, vehement verwehrt. Im Mittelpunkt stand stets der Wunsch nach visueller Umsetzung einer Mitteilung, das adäquate Medium wurde auf der Suche nach der jeweils entsprechenden Form der Umsetzung ausgewählt. Beschlagwortungen wie ‚Avantgardefilm‘ oder ‚Experimentalfilm‘ führen in der Annäherung an sein Werk daher ebenso ins Leere, wie eine Polarisation in ‚Narrativ‘ oder ‚Non-Narrativ‘ und die damit einhergehende Bemühung diverser filmtheoretischer oder filmästhetischer Ansätze. Im Kapitel Beware of Definitions wird auf diese Problematik näher eingegangen und in direkter Verbindung mit den, seinen Filmen inhärenten autobiografischen Elementen und seinem Selbstbild als Maler der Versuch einer individuellen Positionierung unternommen.
 
Jarman, der in der Tradition der klassischen Home-Movies aufgewachsen ist, hat diese Tradition verändernd fortgeschrieben. Als er Anfang der siebziger Jahre versucht hat, sich aus den fremdbestimmten Konventionen der Malerei jener Zeit zu befreien, erschien ihm die Super-8-Kamera als das ideale Mittel dazu. Die Bilder seiner ersten Super-8-Filme verdrängen so die unpersönlichen, geometrischen Flächen seiner Gemälde. Seine Kamera wird zum Pinsel, das Licht tritt an die Stelle der Farbe.
 
Kapitel 5 untersucht die von ihm erprobten Techniken der Aufnahme in Zusammenhang mit der von ihm entwickelten Form des prozeßorientierten Arbeitens, die ihren Ursprung in den spontan und improvisiert durchgeführten Aufnahmen der ersten Home-Movies und Super-8-Filme hat. Das Filmen ohne Drehbuch, das ebenfalls in den frühen Home-Movies seinen Ursprung hat, erfordert darüber hinaus eine extreme Offenheit für das Zufällige und seine unvorhersehbaren Ergebnisse, die Kamera wird zu einem Teil des alltäglichen Lebens. In fünf thematische Schwerpunkte gegliedert, folgt schließlich exemplarisch eine Auseinandersetzung mit den repräsentativsten Filmen des jeweiligen Bereichs.
 
Die ästhetischen Ergebnisse, die Jarman mit seinen Super-8-Filmen erzielen konnte, aber auch die Freiheiten während des filmischen Prozesses und die Unabhängigkeit in der Produktion, ließen ihn den Gedanken weiterverfolgen, das Super-8-Format zu einem professionellen, im Filmbereich anerkannten Medium zu entwickeln. Er nennt es Kino der kleinen Gesten und seine Filme In the Shadow of the Sun, The Angelic Conversation und Imagining October zählen dazu. Die ersten beiden werden in Kapitel 6 ausführlich besprochen.
 
Ein Jahr nach Fertigstellung von The Angelic Conversation, im Dezember 1986 erfährt Jarman, daß er HIV-positiv ist. Seit Jahren war für ihn das Thema Aids durch zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle in seinem Freundes- und Bekanntenkreis omnipräsent. Das Wissen um die eigene Infektion brachte jedoch grundlegende Veränderungen, wie z.B. die unmittelbare Politisierung in den Themen seiner weiteren Filme oder das direkte politische Engagement in der Schwulenbewegung mit sich. 1986 wurde jedoch, neben der alles bestimmenden Diagnose seines HIV-Status, auch aus anderen Gründen zu einem entscheidenden Jahr: nach jahrelanger Arbeit daran, konnte er endlich Caravaggio fertigstellen, seinen ersten Film auf 35-mm-Material. Und er beginnt noch im selben Jahr mit den Dreharbeiten zu The Last of Engand, jenem Film, mit dem er sich vom 8-mm-Format verabschieden wird.
 
War Jarman noch vor einigen Jahren entschlossen, den Einsatz des Super-8-Formats im Feature-Film zu professionalisieren, so wendet er sich nach The Last of England intensiv der Arbeit mit 35-mm-Film zu und setzt Super-8 nur noch punktuell ein. Jahre später erklärt er diese Abwendung vom 8-mm-Film mit eben jener Verlagerung der Inhalte von ‚Dokumentationen‘ privater Ereignisse oder assoziativen Bildfolgen hin zu ‚konkreten‘ Themen, deren entsprechende formale Umsetzungen nun im Mittelpunkt seines Interesses standen. Abschied von Super-8 bedeutete jedoch nicht Abschied vom Home-Movie und den Ideen des Kinos der kleinen Gesten - im Gegenteil: Auch die Arbeit an den 35-mm-Produktionen bedeutete für Jarman die gemeinsame Realisierung eines Projektes, bedeutete Arbeit mit Freunden - vielleicht sogar mehr denn je.
 
 
 
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