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Martin Frey

Derek Jarman -
Bewegte Bilder eines Malers

Home Movies, Super-8-Filme und andere kleine Gesten

(6) Jarman, Derek: The Last of England. London 1987. S. 146.

(7) "The soundtrack is a palimpsest". In: Jarman, Derek: The Last of England. London 1987. S. 166.

(8) Jarman, Derek: BFI-Special Collection, Item 99: Typoskript unveröffentlicht, London o.J., S. 1.

(9) Verstraeten, Paul: Derek Jarman Interview. In: Stichting Ambassade (Hrsg.): De Jonge Romantici en Derek Jarman in de Britse Film. Katalog zum Festival "The Romantic Aesthetics". Amsterdam 1986. S. 45.

Kino der kleinen Gesten: Super-8 als Feature Film

Die ästhetischen Ergebnisse, die Derek Jarman mit seinen Home-Movies und kurzen Super-8-Filmen erzielen konnte, bilden Grundlage und Ausgangspunkt für sein Bestreben, die Auseinandersetzung mit diesem Medium weiter auszubauen und zu intensivieren. Die Freiheiten, die sich ihm sowohl während des filmischen Prozesses als auch durch den äußerst geringen finanziellen Aufwand der Produktion eröffneten, sind ideale Voraussetzungen, die Arbeit daran fortzusetzen und den Gedanken weiterzuverfolgen, das Super-8-Format zu einem professionellen, im Filmbereich anerkannten, Medium zu entwickeln.

Jarmans Versuch, mit einem Minimum an technischem, organisatorischem und finanziellem Aufwand bewegte Bilder zu erzeugen, erinnert ein wenig an Jean Cocteau's emanzipatorische Forderung, daß Film nur dann zu Kunst werden kann, wenn sein Material so billig wird, wie Papier und Bleistift und dieser sich damit zugleich aus der versteckten Zensur materieller Zwänge und Bestimmtheiten befreit.

Unter Jarmans Kino der Kleinen Gesten können primär seine Filme

In the Shadow of the Sun

The Angelic Conversation und

Imagining October

subsummiert werden. Die Entstehungsimpulse haben vergleichbar private Dimensionen, wie jene seiner Home-Movies und kurzen Super-8-Filme: In the Shadow of the Sun besteht großteils aus Fragmenten und Teilen früherer Home- Movies, The Angelic Conversation hat seinen Ausgangspunkt bei einem Wochenendausflug mit zwei Freunden in der Grafschaft Dorset (‚Familienleben') und Imagining October ist während eines Aufenthaltes in der Sowjet Union entstanden (‚Reise').

Auf der inhaltlichen Ebene haben die Bilder dieser Super-8-Filme allerdings die Unschuld seiner frühen persönlichen Home-Movies zum Teil auf radikale Weise abgelegt, indem sie in unterschiedlichen Intensitäten direkte Assoziationen zu Themen wie Sexualität, Gewalt oder Macht evozieren und durch diese Thematisierung auch eine, im weiteren Sinne verstandene, politische Ebene eröffnen. Themen, die in seinen Feature-Filmen Sebastiane, Jubilee und The Tempest bereits seit 1976 omnipräsent sind, werden nun auch im Kino der kleinen Gesten auf Super-8-Film deutlich formuliert und direkt sichtbar.

Auf der technischen Ebene hat Jarman in seinem Kino der kleinen Gesten all jene Techniken fortgeführt, weiterentwickelt und verknüpft, die er in seinen kurzen Super-8-Filmen erprobt hat: die Single-Frame-Technik, den Slow-Down-Effekt, das erneute bzw. mehrfache Abfilmen von Bildmaterial, Doppel- und Mehrfachbelichtungen und den Einsatz von farbigen Filtern. Die durch die Kombination von Single Frame und Slow Down hervorgerufene Verlangsamung der Bildfolgen relativiert jedoch nicht nur das scheinbar objektive Empfinden von Zeit und Zeitabläufen: Der dabei entstehende Eindruck der Segmentierung zieht das Augenmerk des Betrachters ganz bewußt auf jede einzelne Geste und sonst nicht wahrnehmbare Details. Durch den Freiraum der Unterbrechung wird deren Geschichte, die ihnen innewohnende Vergänglichkeit und unmittelbar folgende Vergangenheit sichtbar und für den Betrachter, der sich dadurch in der Rolle eines heimlichen Beobachters wiederfindet, erahnbar, erfahrbar gemacht: "The single frame makes for extreme attention, a concentration that is voyeuristic. Time seems suspended. The slightest movement is amplified. This is the reason I call it a cinema of small gestures" (6)

Die rhythmisch pulsierenden, ineinander übergleitenden Bilder werden immer wieder, zum Teil mehrfach, von anderen Bildern überlagert. Jarman hat einmal die Toncollagen in The Last of England als Palimpsest bezeichnet (7). Der Begriff, der aus dem Griechischen übertragen soviel wie ‚wieder abgekratzt' bedeutet, verweist auf antike oder mittelalterliche Handschriften, auf welchen die ursprünglichen Texte durch Abwischen oder Radieren entfernt und durch neuere ersetzt wurden. Mittels Fluoreszenzfotografie lassen sich heute die Schriftschichten von Palimpsest wieder entziffern.

Der Begriff läßt sich sehr treffend auf die durch Mehrfachbelichtungen und erneutes Abfilmen entstandenen Bildüberlagerungen seiner Filme übertragen. Er vermag das Ergebnis konkreter zu bezeichnen, als die aus der bildenden Kunst abgeleiteten Begriffe der Collage oder Assemblage, da die einzelnen Bildebenen dieser Filme nicht mehr konkret abzugrenzen oder zuordenbar sind, sondern einander durchdringen. Die filmischen Bilder, die einen ähnlich transparenten Charakter aufweisen, wie sich überlagernde Töne und Geräusche, werden nicht einander verdeckend über- oder nebeneinandermontiert sondern behalten stets jene Transparenz, die Spuren des ‚Darunterliegenden' sichtbar werden läßt.

Jarman schien zu jener Zeit überzeugt, mit der konzentrierten Weiterführung und dem Testen und Ausschöpfen der sich eröffnenden Möglichkeiten dazu beitragen zu können, das Medium Super-8-Film auf die Ebene der professionellen Filmformate zu verlagern. So merkt er in einer handschriftlichen Notiz, bezugnehmend auf seine beiden Filme In the Shadow of the Sun und Psychic Rally in Heaven, an: "These films are a small part of a much larger body of work in Super 8, which James McKays Dark Pictures is gradually going to make available in 16 mm during the next few years, as funds become available. The future of Super 8 is enormous. The effects of In the Shadow of the sun for instance cost £ 100,- and are unrealizable on large gauges. The cameras are now much more sophisticated than the NIZO 480 which was used for these early films (...) S-8 translates ideally into video - At the moment the problem with S-8 distribution is the lack of sophisticated modern equipment in universities & regional cinemas. If this was remedied the necessity to blow the films up for institutions would disappear." (8)

Zugleich war allerdings auch klar, daß das Kino der kleinen Gesten immer auch ein Kino im kleinen Rahmen bleiben würde: Ist ihm bei seinen Feature-Filmen kontinuierliches Interesse von Seiten des Publikums daran wichtiger, als ein einmaliger Kassenerfolg, der einen Film ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten läßt, so will er auch mit seinen Super-8-Filmen und dem Kino der kleinen Gesten, einer Wanderausstellung gleich, kleine Zuschauerkreise in kleinen Kinosälen ansprechen: "Am liebsten ist mir, wenn meine Filme in einem kleinen Saal vor einem kleinen, intimen Publikumskreis vorgeführt werden. Einen Sonnenuntergang genießt du ja auch nicht in Begleitung einer ganzen Meute." (9)

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